Es war kurz vor zehn Uhr, als Manfred Schulz am 3. Februar 1945 aufwachte. Zusammen mit seiner Mutter wohnte der Neunjährige im Vorderhaus der Alexandrinenstraße 51 in Kreuzberg. Noch schien an diesem Samstagmorgen die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Zu diesem Zeitpunkt waren amerikanische Bomber schon seit fast zwei Stunden in der Luft. Ihr Ziel: Berlin. In etwas mehr als einer Stunde würden 2.300 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf die Stadt fallen.
60 Jahre später stapft Manfred Schulz im Schnee durch die Straße seiner Kindheit. "Im Hinterhof stand die Firma Jünger und Gebhardt, die zu 4711 gehörte", sagt er. Heute steht in dem Hof ein Kinderspielplatz, umringt von fünfstöckigen Neubauten. Eine Tafel an einer Durchfahrt erinnert an die Parfüm-Firma. Bis zu dem Bombenangriff 1945 wurden hier für die Seifen- und Parfümproduktion Fett und Alkohol gelagert. "Das Zeug brannte so heiß, dass ich dachte, mir fliegen gleich die Hautfetzen aus dem Gesicht", sagt Schulz.
Um 10:40 Uhr war die fliegende Armada nur noch zwanzig Minuten von ihrem Einsatzort entfernt. Die rund 1.000 US-Bomber wurden von über 600 Jagdflugzeugen begleitet. Mit einer nennenswerten Luftabwehr mussten die Piloten drei Monate vor Kriegsende nicht mehr rechnen.
In Berlin gaben die Sirenen Vollalarm. "Meine Mutter hat mich angezogen. Das musste alles sehr schnell gehen", sagt Schulz. "Ich hatte nicht einmal vernünftige Schuhe an. Danach sind wir in den Keller gegangen. Bis dahin war eigentlich noch alles Routine." In dem gut ausgebauten Luftschutzkeller saßen schon andere Hausbewohner aus der Alexandrinenstraße. Der Luftschutzwart schloss hinter den Schulzes die Kellertür.
"Es war keine Wolke am Himmel über der Stadt, als wir reinkamen", erzählte später einer der US-Piloten einem Journalisten. "Wir haben die Bomben nur so reingegossen. Es war freie Schussbahn, und man konnte sein Ziel nicht verfehlen. Wenn man von einer Stadt in der Vergangenheit sprechen kann, ist es Berlin. Es wird noch Tage brennen."
Die Menschen im Keller der Alexandrinenstraße hörten Einschläge in der Nachbarschaft. Druckwellen erschütterten das Viertel. "Jetzt sind wir dran", dachte Manfred Schulz. Im Keller war es eng. Alle hatten Angst.
Die US-Piloten flogen ihren Angriff in drei großen Wellen. Die Bombardiere sollten die Gegend um das Reichsluftfahrtministerium, das Auswärtige Amt, die Reichskanzlei, das Gestapo-Hauptquartier, die Eisenbahnanlagen in Schöneberg und Tempelhof sowie den Anhalter, den Potsdamer und den Schlesischen Bahnhof ins Visier nehmen. Außerdem sollte das Zeitungsviertel rund um die Kochstraße getroffen werden. Hier hatten die Propaganda-Zeitungen der Nazis ihre Redaktions- und Verlagsbüros.
Schon die Piloten der zweiten Staffel konnten ihre Ziele kaum mehr erkennen, da der Rauch über dem Zielgebiet immer dichter wurde. Die letzten Gruppen steuerten nur noch nach Instrumenten und verteilten ihren Bombenteppich über den gesamten Innenstadtbereich. Nicht einmal eine Stunde dauerte der Angriff. Um kurz vor zwölf verließ der letzte Flieger den Berliner Luftraum. Am Boden waren knapp 3.000 Menschen tot.
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